Kromfohrländer
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artgerecht oder natürlich ?

Wie halten wir unsere Hunde?


Noch immer ist "natürlich" gemeinsam mit dem Begriff "biologisch" ein Schlagwort, das ankommt.

Auch unsere Hunde werden mit dieser Vorstellung versehen, sei es, dass sie sich in Buchtiteln wie "natürliche Welpenaufzucht", "natürliche Fütterung", und in der Zucht mit "natürlichem Deckakt" oder "natürlicher Geburt" niederschlägt.

"Natürlich" klingt gut, es vermittelt ein angenehmes und zufriedenes Gefühl und weckt keinerlei Ressentiments. Was natürlich ist, kann auch nicht schlecht sein.

Nur, was hat in unserem Fall "natürlich" mit "artgerecht" zu tun?


Mit ein, zwei Sätzen lässt sich diese Frage nicht beantworten. Ich muss dazu ein wenig ausholen.

Die nachfolgenden Erläuterungen sind sowohl für Hündinnenbesitzer, als auch für Rüdenbesitzer sicherlich von Interesse. Gerade bei den Rüden hängen viele „Wesensprobleme“ mit dem Zwiespalt „natürlich/artgerecht“ zusammen...

Lassen Sie uns also zusammen bei "Adam und Eva" beginnen...

Sie haben sich für den Kauf eines Rassehundes entschieden, so weit so gut.
Warum und wieso gerade ein Kromi, weiss jeder Besitzer selbst am besten.

Nur - es gibt den Kromfohrländer nur deshalb, weil sich Ilse Schleifenbaum nach einem Wurf ihres eigenen Rüden in den Kopf gesetzt hatte, daraus eine Rasse zu entwickeln.

Sie hatte ein Bild "ihres" Hundes vor Augen, nach dessen Modell ein erster Standard festgelegt wurde. Die Rasse der Kromfohrländer wurde damit 1955 aus der Taufe gehoben.

Fazit:

Rassehunde sind nichts natürliches,
es sind künstlich erschaffene Modelle,
die nur durch des Menschen Wille Fortbestand haben.


Womit wir beim "natürlichen Deckakt" wären...

Würde man der Natur freien Lauf lassen, wären die Kromis bereits nach einer Generation ausgestorben, denn nur die wenigsten Hündinnenbesitzer haben natürlicherweise einen Kromirüden in der Nachbarschaft zur freien Liebe zur Verfügung. Und auch dieser Rüde müsste sich dann erst einmal die Konkurrenz vom Halse schaffen - oder auch nicht, je nach dem, wer stärker ist.

Und bei der Welpenaufzucht?

Da ist zu sagen, dass die Natur harte Selektion betreibt. Wie viele Welpen da wohl bei "natürlicher" Aufzucht überleben würden? Bestimmt nur ein ganz geringer Prozentsatz!

Was ich ihnen damit vor Augen führen möchte?
Dass es auch in der Hundehaltung keine "Natürlichkeit" gibt!


Wir sind als Halter verpflichtet,
unseren Hund nicht natürlich, sondern artgerecht zu halten!


Aber was ist denn artgerecht?


Artgerechte Hundehaltung bedeutet,
dass der Hundehalter dem Hund
in unserem Lebensraum die Möglichkeit schafft,
sich so zu entwickeln, dass er zu gegenseitigem Nutzen
ein ausgefülltes und zufriedenes Leben führen kann.


Bei den Kromfohrländern ist dabei ganz wichtig, dass sie sich für Fremde unauffällig in der Umwelt bewegen und ausgeglichen sind.

Dem Züchter obliegt hierbei die Aufgabe, bei der Zuchtauswahl nur Hunde mit einem guten Wesen einzusetzen, unabhängig von den weiteren Zuchtkriterien.
Das gute Wesen hat erste Priorität!
Ebenso hat er eine Aufzucht zu gewährleisten, die die Welpen sich optimal entwickeln lässt.

Ein Kriterium für ein gutes Wesen ist z.B., dass der Hund das Anfassen durch fremde Personen ohne Knurren oder gar Schnappen über sich ergehen lässt. Unwillensäusserungen wie einen flehenden Blick zu Herrchen oder Frauchen lasse ich gerade noch gelten! ;-)

Übrigens war für mich ein Grund, auf Ausstellungen präsent zu sein, die beste Möglichkeit, Betrachtungen über das Wesen potenzieller Zuchtrüden zu machen. Und wie ich in meinem jahrzehntelangen Züchterleben feststellen konnten, vererbt sich das Wesen im Gegensatz zu manch anderen Expertenmeinungen bei den Kromfohrländern sehr stark!

Schnappende und knurrende Hunde werden gerne damit verniedlicht, dass es doch gerade die für diese Rasse so typische Zurückhaltung ist, die sie zu solchen Bekundungen treibt.

Dabei ist jedoch zu bedenken, dass es ein zurückhaltender, aber wesensfester Hund nicht nötig hat zu schnappen oder gar zu beissen. Er zeigt seine Einstellung allein durch seinen Gesichtsausdruck, und das ist ok.

Es ist also von grundlegender Wichtigkeit, wesensfest von zurückhaltend zu unterscheiden!

Werden Hunde mit gutem Wesen in der Zucht eingesetzt, kann man auch mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Wurf erwarten, der gute Wesensveranlagungen zeigt. Ein seriöser Züchter wird von Anfang an Wert darauf legen, dass die Welpen viel Besuch erhalten, er wird Kinder einladen, für eine abwechsungsreiche Geräuschkulisse sorgen, Autofahrten unternehmen und vieles mehr.

Handelt es sich um einen erfahrenen Züchter, wird er die zukünftigen Besitzer auch noch mit viel Lesematerial und guten Ratschlägen ausrüsten, danach entzieht sich dem Züchter jedoch weitgehendst jeder Einfluss.

Das Angebot des engagierten Züchters, bei Fragen und Problemen erst ihn anzurufen, wird leider nicht immer angenommen. So viele Probleme könnte man damit im Keim ersticken und mit guten Ratschlägen gar nicht erst aufkommen lassen.

Erste Probleme entstehen für die Rüdenbesitzer bereits auf dem Welpenplatz.
Kaum ein Kromirüde, der nicht auf irgendeinen anderen Welpen aufreitet, sei es nun Männlein oder Weiblein.
Oft wird den neuen Besitzern schon an diesem Punkt Angst und Schrecken eingejagt, denn - Oh Gott - sie besitzen einen furchtbar dominanten Hund und dagegen muss man sofort etwas unternehmen.

Zumindest wurde mit dieser Reaktion erst mal erreicht, dass der Besitzer seinen Welpen auf einmal unter einer ganz anderen, potentiell aggressiven, Sichtweise sieht. Eine starke Verunsicherung ist verständlich.
Und siehe da, der Welpe reagiert. Nicht, weil sich unser Welpe verändert hätte; nein, durch die hervorgerufene Verunsicherung seitens "seiner" Menschen ist das vorher bestehende Vertrauensverhältnis zum eigenen Hund gestört worden und unser sensibler Kromi reagiert darauf. Er weiss nämlich gar nicht, warum seine Menschen auf einmal so komisch sind.

Tatsache ist, dass es kaum einen Kromirüden in diesem Alter gibt, der nicht rammelt!


Kromfohrländer-Rüden sind einfach sehr frühreife Welpen,
die sich entsprechend verhalten.
Mit "Dominanz" hat das aber rein gar nichts zu tun –
allenfalls mit übermässigem Trieb!


Auch hier: eine Unterscheidung ist eminent wichtig!

Nun, bis auf den übermässigen Trieb entwickeln sich die Kromis sehr angenehm, sie sind im Gegensatz zu anderen Kollegen extrem anhänglich, laufen nicht weg, lassen sich vom Spiel in aller Regel ohne Probleme abrufen und bereiten keinerlei Schwierigkeiten bei der Folgsamkeit.

Draussen spielen sie mit ihren Artgenossen, sind umweltverträglich und eigentlich ist es ein Hund, mit dem man rundum zufrieden sein kann....

Bis... ja, bis die Pubertät kommt.

Auch hier hat man es als Hündinnenbesitzer zugegebenermassen leichter, denn nach der Geschlechtsreife zeigen die Hündinnen in aller Regel "nur" abweisendes Gehabe gegen Beschnuffeltwerden von anderen Hündinnen und steigendes Desinteresse an Sozialkontakten zu Hunden allgemein.
Die immer stärker werdende Bindung an ihre Menschen kommt noch dazu.

Nicht umsonst reden wir von unseren Kromis von "Menschenhunden", denn sie sind zu unserem Vorteil im Verhalten anderen Hunden gegenüber asozial orientiert.

Das bedeutet für uns als Halter: keinerlei Probleme mit den Hunden, die von Kindheit an bekannt sind, aber Ressentiments gegenüber fremden Hunden.

Für Hündinnenhalter ist es deshalb notwendig, soviel Kontrolle über den Hund auszuüben, dass es zu keinen unangenehmen Zwischenfällen mit fremden Hunden kommt.

Sowohl Rüden als auch Hündinnen entwickeln mit und nach der Geschlechtsreife ein zum Teil sehr ausgeprägtes Territorialverhalten. Wie wirkt sich das aus?

Es führt dazu, dass der Kromi als erstes an der Türe steht, wenn es läutet und so agiert, dass Besucher freiwillig keinen Schritt in die Wohnung wagen.

Eine Billigung dieses Verhaltens führt mitunter dazu, dass eintretender Besuch hinterrücks in die Wade gekniffen wird. Dies sozusagen als Warnung, dass hier ein Kromi das Sagen hat, frei nach dem Motto: "Wehe, Du kommst wieder!"

Machen Sie das „Machtgefüge“ ihrem Hund klar! Sie haben das Sagen, nicht er!

Die Konsequenz bei solch unfreundlichem Verhalten bei Besuchern: der Hund wird reglementiert, indem er beim Klingeln mit der Leine an einem Ort fixiert wird, an dem er den Eingangsbereich nicht im Visier haben kann. So ist eine direkte Konfrontation mit dem Besuch nicht möglich.

Die Fixierung erfolgt immer zusammen mit dem akustischen Befehl des Platzverweises.

Das Ziel der konsequenten Erziehung in Bezug auf Besucher sollte sein, dass der Hund so fixiert ist, dass er beim Klingeln ohne Aufforderung an seinem Platz liegt und wartet, bis er herangerufen wird.


Aktives Wegsperren durch den „Chef“ erzeugt dagegen oft eine grosse Frustration beim Kromi, er hat in den meisten Fällen ein sensibles Empfinden gegenüber dem Weggesperrtwerden entwickelt und hat dementsprechend auch Strategien entwickelt, um sich dagegen zu wehren.
Diese können vielfältig sein; Anknurren, Protestpinkeln und viele Verhaltensvariationen mehr...

Beim Platzverweis hingegen lernt der Hund, mit seinem (angeborenem, meist übersteigerten) Territorialverhalten umzugehen. Er beteiligt sich aktiv.

Beim Wegsperren wird ihm diese Möglichkeit genommen. Er ist zum passiven Verhalten „verdonnert“ worden.

Ich habe noch nie einen Kromi erlebt, der gelernt hat, sich selber wegzusperren. Dagegen sind mir einige „Territorialmonster“ bekannt, die mit dieser Methode unauffällig geworden sind.


Zurück zu unseren netten Kromirüden.

Aus ihnen sind mittlerweile wahre Hormonprotze geworden.

Das äussert sich nun ganz unangenehm darin, dass sie draussen, und hier besonders wenn die Hunde angeleint sind, ein absolutes Machoverhalten zeigen.

Kaum ein fremder Rüde wird beim Anknurren und bei den (noch) Scheinattacken ausgelassen, wobei viele Kromirüden schon jetzt deutliche Aversionen gegen bestimmte Rassen zeigen.
Die allermeisten Kromis haben jetzt schon individuelle Intimfeinde...

Und hier schlagen wir wieder den Bogen zu unserer natürlichen oder artgerechten Haltung...


Können Sie nach der Lektüre meiner Ausführungen schon erahnen, worauf ich hinaus möchte?

Immer noch gibt es "erfahrene" Hundehalter, die in Situationen mit pubertierenden Hunden dazu raten, es die Hunde auf "natürliche" Weise ausmachen zu lassen. So wäre dann „die Sache“ ein für allemal geklärt.

Wie sähe das denn konkret aus?


Ein Labrador-Retriever-Rüde kreuzt angeleint unseren Weg. Er wiegt ausgewachsen so um die 40 Kilogramm, also 3 oder 4 Mal mehr als unser Kromi...

Alles soll ja natürlich ablaufen, deshalb leinen beide Besitzer ihre Rüden los.


Günstigste Situation:

unser Kromi schmeisst sich auf den Rücken und ergibt sich.

Leider ist dies erfahrungsgemäss sehr selten so, denn denken Sie daran, Sie haben es mit einem Kromi-Sexprotz zu tun - und der gibt nicht sofort klein bei.


Andere Variante:

Kromis sind im Grunde ihres Herzens Angsthasen. Deshalb greift unser Kromi wieselschnell an, packt sich am Hals ein paar Labihaare und ist schon wieder weg. Ein vernünftiger Labrador denkt sich seinen Teil und wendet sich ab. Was hat unser Macho-Kromi jetzt dabei gelernt? Juhui, gewonnen! Und erst noch gegen so ein Riesenviech! Das gibt enormen Auftrieb für den nächsten "Kampf“ – denn Angriff scheint ja für unseren Kromi erfahrungsgemäss die beste Verteidigung zu sein...

Handelt es sich jedoch nicht um einen souveränen Labrador, sieht es nun für unseren kleinen Kromirüden schlecht aus. Bestenfalls kommt er mit ein paar Schrammen davon; hat er Pech, ist ein Tierarztbesuch fällig. Schlimmeres ist nicht zu wünschen...


Hat unser kleiner Freund daraus gelernt? Was meinen Sie?

Falls Sie denken, dass die Verletzungen ein guter Denkzettel waren; in diesem falschen Glauben wiegen Sie sich nur bis zum nächsten Mal, das kann ich Ihnen garantieren...

Sie stellen sicherlich schnell fest - es muss ihm eine Gehirnwindung fehlen, denn das gleiche Spielchen beginnt von neuem, vielleicht bei "gewonnenem" Kampf mit einer kleinen Steigerung....

Einsicht? Nö! Null!

Die Spaziergänge werden zusehends unangenehmer, Kommt ein Hund in Sicht, stellen sich bereits die Haare des Kromis (und ihnen bricht der Angstschweiss aus) und dann, von Angesicht zu Angesicht wird heftig geknurrt und an der Leine marodiert.

Ist der Hund vorbei gelaufen und es ist kein weiterer Hund in Sicht, legt der abgeleinte Kromi erst einmal einen Sprint hin, bei dem jeder Sprint-Läufer vor Neid erblassen würde.


Das ist alles "ganz natürliches Verhalten"!

Das wollten Sie doch so? Oder sind Sie etwa mit dem Resultat nicht zufrieden?

Wie? Sie sind nicht glücklich mit so einem Hund an der Leine?

Es soll zwar immer noch Rüdenbesitzer geben, die solcherlei Machogehabe ihrer Hunde toll finden und fast noch stolz darauf sind...

Uns als Züchter und erfahrene Kynologen stellen sich hier die Nackenhaare auf...


Haben sie denn den Lösungsansatz schon erlickt?

Ich denke schon, ich schreibe einfach zur Verdeutlichung weiter...


Ich möchte Sie mit meinen Schilderungen hinführen zur Erkenntnis:


Ich als Hundebesitzer bin mir
meiner Verantwortung bewusst,
deswegen halte ich meinen Hund artgerecht!


Was gehört denn konkret dazu?


Sie müssen sich (das gilt im hohen Masse für die Rüdenbesitzer, aber natürlich auch für die Hündinnenhalter!) darüber klar werden, dass die Welpen- und Junghundezeit endgültig vorbei ist.

Sie haben diese Zeit natürlich genossen. Höchstwahrscheinlich haben Sie in den letzten Wochen auch mal 5 gerade sein lassen, konnten Sie doch dem Kromiblick schwer widerstehen. Ihr Hund hat sich bis jetzt ja auch meist angenehm verhalten, deswegen haben Sie’s mit der konsequenten Erziehung auch nicht so streng genommen.

Als Zwischenbemerkung möchte ich anfügen, dass am Punkt, wo der Spaziergang mit dem Hund nur noch unter grossen Schwierigkeiten möglich ist; oder wo sich nur noch ganz mutige Besucher bei Ihnen daheim blicken lassen, ein grosser Teil der Rüden auf Empfehlung des Tierarztes kastriert wird.

Die geschilderten Probleme des verzweifelten Hundebesitzers veranlassten ihn zu diesem Ratschlag und manch ein Kromibesitzer sieht in der Kastration seines Rüden die Lösung aller Probleme und erhofft sich dadurch die Rückkehr des „lieben“ Hündchens.

Nebst der Sinnlosigkeit dieser Operation (dazu gleich mehr) hat dieser Entschluss eine einschneidende Konsequenz: mit der Kastration fallen „mit einem Schnitt“ etliche wertvolle Zuchttiere aus!


Die Besitzer stellen erst nach diesem „finalen“ Eingriff fest, dass der "Trieb" zwar
kein Problem mehr ist, das "aggressive" Verhalten sich jedoch nach wie vor zeigt.
Es ist mir äusserst wichtig festzuhalten:


Die Kastration ist für solche Rüden auf keinen Fall eine Lösung!


Der Hundehalter muss auf die neue Situation richtig reagieren; er muss sein eigenes Verhalten dem Rüden anpassen.

Nur dadurch ist eine Veränderung bei unserem Kromi möglich.

Der erste Schritt geht also nicht vom Hund, sondern vom Halter aus.

Das heisst für uns, wir müssen uns im klaren sein, dass wir jetzt ein potentes und temperamentvolles, voll "im Saft stehendes" Energiebündel an der Leine führen.

Das heisst, unser Lämmlein hat sich nicht zu einem Schaf entwickelt, sondern zu einem ausgewachsenen Widder, mit allen Konsequenzen. Und die erfordern vom Rüdenhalter nun entsprechende Verhaltensmassregeln und Konsequenzen.

Ist dies dem Rüdenbesitzer erst einmal bewusst geworden, ist der erste Schritt zur Besserung schon getan.


Aber nun konkret...


Fangen wir mit den Regeln an:

- Führen Sie sich immer vor Augen, dass Sie Rüdenbesitzer sind.

- Seien Sie wachsam unterwegs!
Sie können nicht mehr einfach so vor sich so hinträumend oder sich unterhaltend spazieren gehen.
Einen Rüden zu führen heisst, immer mit mindestens einem Auge seine Umgebung zu kontrollieren, um auf Hundebegegnungen rechtzeitig reagieren zu können.

- Nie, wirklich niemals dürfen Sie zulassen, dass Ihr Rüde einen anderen Rüden direkt in die Augen sieht. Für Hunde bedeutet Augenfixieren Aggression!


- Sollten wir gezwungen sein, neben oder in der Nähe eines Rüden stehen zu bleiben, stellen wir uns immer so auf, dass unser Körper eine Kontaktaufnahme verhindert. Bei Begegnungen wird der Hund grundsätzlich auf der dem entgegenkommenden Hund abgewandten Seite geführt.

- Denken Sie daran: Ihr Kromi ist ausgewachsen und will nicht mehr spielen, er hat auch keine Lust mehr auf Sozialkontakte. Die Rüden wollen allenfalls decken, ansonsten ist ihr Lebensmittelpunkt ihr Besitzer. Und mit diesem wollen sie spielen, nicht mit anderen Rüden.

- Zeigt unser Kromi unerwünschtes Verhalten (Knurren, Zähne fletschen, Haare stellen), so wird er grundsätzlich nicht angefasst oder in beruhigender Form angesprochen! ("Was ist denn los, Rusty", oder "stell Dich doch nicht so an“)

- Seien Sie sich bewusst: Anfassen und Beruhigen verstärkt ein negatives Verhalten immer.

- Kommt es bei Hundebegegnungen immer wieder zu Knurr - und Marodierproblemen, muss mit Ablenkung gearbeitet werden. Das sind kleine Unterordnungsübungen, Ablenken mit Futter oder bei ballverrückten Kromis ein dementsprechendes Spiel.


Das alles sind jedoch nur Sekundärbehandlungen,
die verdecken, dass unser Kromi keine
natürliche, sondern eine artgerechte Behandlung benötigt.

Nach der Aufzucht von über hundert Welpen und unzähligen Beobachtungen vieler anderer Kromirüden aus anderen Zwingern, lässt sich sicher feststellen, dass ein grosses Problem bei der Rüdenhaltung die akute Unterforderung ist.

Ein erwachsener Kromirüde ist mit Spaziergängen, und seien es auch zwei Stunden, überhaupt nicht ausgelastet.

Die direkte Folge davon: er muss sich anderweitig abreagieren.

Unter anderem manifestiert sich diese Unterforderung in Machoverhalten und übersteigertem Territorialverhalten.

Vergleicht man "natürlich" gehaltene Familienhunde mit ihren Kollegen im sportlichen Einsatz, so lässt sich leicht beobachten, dass diese Rüden weitaus gelassener reagieren und eine starke Führigkeit zeigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die „Sportler“ im Turnierhundesport oder im Agilitybereich aktiv sind.

Eine Vermenschlichung der Hunde liegt mir fern, aber als Veranschaulichung darf doch folgendes Beispiel dienen:
Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären von vierzehn Stunden zu zwölf Stunden Nichtstun verdammt. Die restlichen zwei Stunden verbringen Sie mit einem Spaziergang, der Ihnen auch nichts abfordert. Wie würde es Ihnen da wohl gehen? Wären Sie zufrieden? Ausgelastet? Ausgeglichen? Wohl kaum...


Denken Sie, dass da gerade ein so intelligenter Hund wie unser Kromi sich nicht zwangsläufig abreagieren muss?

Intelligente Hunde brauchen ein Mehr an Beschäftigung als es normale Spaziergänge ermöglichen.

Die Aufgabe des Hundhalters ist es,
die passende Beschäftigung für seinen Hund zu finden.


Für etliche bietet sich die Sportkarriere an, allerdings hat nicht jeder Mensch die Möglichkeit diesen, mit hohem zeitlichen Aufwand verbundenen, Hundesport zu betreiben.


In diesem Zusammenhang möchte ich einen absolut zutreffenden Absatz aus dem wärmsten zu empfehlenden Buch mit dem sinnigen Titel "Der dressierte Hund" zitieren:


"....Doch die meisten Hunde führen ein Leben als verwöhnte Haustiere, und das mag ein schöner Anfang sein, aber mehr ist es nicht.

Sie langweilen sich; manche werden aggressiv, andere lecken sich neurotisch den ganzen Tag die Pfote. Ihre grosse, noch immer nicht erforschte Intelligenz verkümmert. Oder sie bekommen nur ihre Grundausbildung und dürfen nie auf eine höhere Schule.

Hunde müssen etwas zu tun haben. Sie wollen sich nützlich machen. Sie arbeiten gern, weil sie gelobt werden wollen und dann stolz auf sich sind.

Nur dekorativ vor dem Kamin zu sitzen, das füllt sie nicht aus.

Mit Kunststücken kann sich ihr Hund auf unterhaltsame Weise bilden, sie befriedigen sein Streben nach Aufmerksamkeit und geistiger Betätigung.

Er wird sich als nützlicher Hausgenosse fühlen, und es befriedigt seinen unausgesprochenen Tatendrang...."

Richten Sie den Fokus auf einen ausgeglichenen Hund,
das ist ihr Ziel.

Wie Sie dahin kommen, ist individuell. Verstaubte Ansichten, was ein Hund lernen und können soll, entlocken Ihnen bestenfalls ein Schmunzeln. „viele Wege führen nach Rom“


Viele Hundebesitzer können mit „Kunststückchen und Tricks“ für Hunde wenig anfangen.

Schade! Denn gerade das ist eine hervorragende Möglichkeit, ohne grossen Zeitaufwand der Intelligenz der Hunde gerecht zu werden und sie so ganz nebenbei zu angenehmen Hausgenossen zu erziehen.


Der positive Nebeneffekt solchen Lernens
besteht ja auch darin,
dass eine bessere Verständigungsebene
zwischen Mensch und Hund geschaffen wird
und dass der Kromi sich zudem
keine Ersatzhandlungen mehr suchen muss.

Das verstehe ich unter artgerechter Haltung!!!!!!


Ich will es aber nicht bei der Theorie belassen, sondern auch beschreiben, wie so eine Beschäftigung aussehen kann.


Da gibt es zum einen die sogenannten Suchspiele.


Jeder Hund hat einen gewissen Fundus an Spielzeug, das von ihm bespielt wird, teils auch zusammen mit seinem Menschen.

Bezeichnen Sie beispielsweise in Zukunft jedes Spielzeug mit unterschiedlichen, aber klangvollen und klar zu unterscheidenden Namen.

Wenn Ihr Hund Sie nun zum Spiel auffordert, spielen Sie erst dann mit ihm, wenn er ein bestimmtes, von Ihnen konkret bezeichnetes Spielzeug bringt.


Und denken Sie daran: Den Hund nicht überfordern, stets kleine Schritte sofort belohnen.
Umso schneller lernt Ihr Hund, was Sie von ihm wollen.


Dann können Sie zum Verstecken des Spielzeugs übergehen. Fordern Sie ihren Hund zum Suchen auf, aber legen Sie das gewünschte Spielzeug zu Beginn gut sichtbar in einem sofort zugänglichen anderen Raum hin.

Das Zauberwort ist Motivation und Motivation führt zum Erfolg; und Erfolg führt zu immer weiteren Steigerungen bei der Wahl der Verstecke.

Ihr Kromi mag kein Spielzeug? Dann probieren Sie es einfach mit Futter, natürlich nicht mit gewöhnlichen Leckerlis, etwas ganz besonders wohlriechendes und nur für diesen Zweck eingesetztes Leckerli muss es schon sein!


Worauf das vorher zitierte Buch allerdings abzielte, bezog sich auf den grossen Bereich der sogenannten "Tricks", auch wie erwähnt gerne als Zirkuskunststückchen verunglimpft.

Klassische Übungen sind neben Pfötchengeben das Hinlegen auf der Seite mit dem Kommando "Peng!", die Rolle, „Schäm dich“ und vieles mehr.

Zu diesem Thema wurden mehrere hervorragende Bücher herausgegeben, mit deren Anleitung es ihnen leicht fallen wird, ihren Kromi sinnvoll zu beschäftigen.

Meine Buchempfehlungen zu diesem Thema sind folgende:

"Der dressierte Hund"
Captain Arthur J. Haggerty und Carol Lea Benjamin
Könemann Verlagsgesellschaft
ISBN 3-89508-589-8

Aus diesem Buch stammt das erwähnte Zitat, es gehört zu meinen Lieblingsbüchern in diesem Bereich. Humorvoll aufgebaut, klar und prägnant in kleinem Format, was Tricks betrifft; das mir einzig bekannte Buch mit so einer umfangreichen Sammlung.

"Spaßschule für Hunde"
Celina del Amo
Ulmer Verlag
ISBN 3-8001-4397-6

Der Untertitel lautet: 100 ganz neue Spiele, Tricks und Übungen - und gehört unbedingt in die kynologische Sammlung. Klar und gut aufgegliedert in handlichem Format wird der ganze Bereich umfassend abgedeckt.


"Erziehungsspiele für Hunde"
Petra Führmann und Nicole Hoefs
Kosmos Verlag
ISBN 3-440-08856-1

Von den Autorinnen des Buches "Das Kosmos Erziehungsprogramm für Hunde".
Baut in dem Sinne darauf auf, da ein guter Gehorsam für viele Übungen vorausgesetzt wird. Im Buch erklären die zwei Hundeausbildnerinnen mit echtem Hundeverstand anhand reicher Bebilderung Erziehungsübungen für Fortgeschrittene.
Ein umfangreicher Teil des Buches ist dem Erlernen der unterschiedlichsten Tricks gewidmet, auch hier mit absolut fachgerechten und leicht verständlichen Erklärungen. Weiter Themen widmen sich dem Apportieren, der Nasenarbeit, Fährtenarbeit, Spiele für Clevere sowie Erziehungsspielen für Gruppen und dem Thema Sport und Spiel.
In diesem Bereich ist auch die Beschäftigungsmethode "Futterbälle" angesiedelt, die gerade für Kromis besonders geeignet ist.

"Mentales Training für Hunde"
Anders Hallgren
Cadmos Verlag
ISBN 3-86127-775-1

Das Buch von einem meiner liebsten Hundetrainer - Autor des Buches "Hundeprobleme-Problemhunde".
Ihn einmal live zu erleben lohnt sich immer - wer die Möglichkeit hat, an einem Kurs von ihm teilzunehmen, sollte diese Chance unbedingt nutzen!
Wie alle seine Bücher, kompetent und hilfreich! Das Vorwort von "Der dressierte Hund" und von diesem Buch könnten aus ein und derselben Feder stammen...

 

und jetzt springen wir wieder zurück zu unserer Ausgangsfrage:


„Nur, was hat in unserem Fall "natürlich" mit "artgerecht" zu tun?“

Diese Frage werden Sie jetzt, nach der intensiven Lektüre meiner Zeilen sicherlich beantworten können.

Nichts!


Genau.


Zwischen natürlicher Hundhaltung und artgerechter Hundehaltung liegen Welten.

Weswegen ich für die artgerechte Hundehaltung plädiere, wissen Sie jetzt.


Sie haben mit Ihrem Kromfohrländer einen echten Freund an Ihrer Seite.

Danken Sie ihm seine Freundschaft und seine Liebemit einer artgerechten Haltung.


Sie beide werden davon nur profitieren.

©Sybille Nass/lfw, November 2007