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Die Kleinen sind die Giftigsten!
oder: wie war das nochmal...?
Wer kennt sie nicht, die Zwergschnauzer-, Pinscher und
Yorkshireterrier auf den Armen ihrer Besitzer – von oben giftig
herunterkläffend, im vollen Bewusstsein der sie schützenden
Hände und diesen Status voll ausnützend??????
Aber lassen Sie mich eine Geschichte dazu erzählen:
die wahre Geschichte einer meiner Hundefreundinnen, die alles richtig
machen wollte.
Sie träumte schon lange davon, eine kleine Zwergspitzhündin
ihr eigen nennen zu dürfen. Aber da sie ist wie sie ist, sollte es
nicht irgendeine Zwergspitzhündin sein. Nein, es sollte eine Hündin
von besonderer Farbe werden, eine der neufarbenen, eine graugewolkte Hündin
musste es sein.
Da nicht mit finanziellem Reichtum gesegnet, dauerte es seine Zeit, bis
die notwendige Summe zusammengespart war und auch der Erwerb einer graugewolkten
Hündin musste mit viel Geduld erarbeitet werden.
Aber es kam der Tag, an welchem sie die kleine „Luca“ zu sich
nach Hause holen durfte. Wie stolz hat mir die neuernannte Hundebesitzerin
von ihrem Glück erzählt – und wer je einen Zwergspitzwelpen
gesehen hat, weiß, welche knuffigen Herzensbrecher sie sind.
Nach einer angemessenen Eingewöhnungszeit meldete sich die Marianne
mit Luca in der Hundeschule für die Welpenstunde an und erhielt Bescheid,
dass in der Welpengruppe Platz für Luca sei und sie am Samstagvormittag
gerne zur ersten Stunde antreten dürfe.
Freude und Aufregung teilt man gerne mit seinen Hundefreunden und so wurde
auch ich getreulich von dem Vorhaben unterrichtet.
Der Samstag nahte und damit auch der Ernst eines Hundelebens. Um zehn
Uhr begann die Welpenstunde und mit dabei: Marianne und Luca. Aber nicht
nur die: ein ganzes Knäuel anderer Welpen wartete angeleint an der
Wiese auf die Begrüßung durch die Trainerin.
Nach der üblichen Begrüßung und Einführung wurden
die Welpen auf Anweisung der Trainerin auf der uneingezäunten Wiese
abgeleint und das wilde Spiel konnte beginnen.
Und die Welpen genossen diese Toberei, fanden sich zu Paaren, zu kleinen
Gruppen, rannten, purzelten übereinander und einer der Welpen fand
Gefallen daran, die kleine Luca zu fangen.
Ein zweiter Welpe schloss sich dieser interessanten Jagd an und noch hatte
Luca Augen und Ohren offen und ihre Sinne unter Kontrolle. Aber aus Zweien
wurden Drei, keiner half der kleinen Luca, nicht die Trainerin und nicht
ihre Besitzerin – beide aus unterschiedlichen Gründen: die
Eine, weil sie der Meinung ist, dass Welpen im Spiel lernen müssen,
Rangeleien untereinander auszumachen, die Besitzerin nicht, weil sie die
Anweisung der Trainerin erhalten hatte, nicht in das Geschehen einzugreifen.
Zunehmend gerät Luca nun in Panik und fängt an, unkontrolliert
loszurennen. In ihrer Angst kann sie nicht mehr hören, nicht mehr
riechen und nicht mehr sehen. Und das wird ihr zum Verhängnis: In
voller Fahrt knallt sie gegen die Radkappe eines Autos und bleibt liegen.
Jetzt ist die Hatz beendet und die Welpen trollen sich. Besitzerin und
Trainerin stürzen zum Auto, Marianne hebt Luca hoch auf den Arm.
Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen. Durch den Aufprall ist das Genick
gebrochen. Noch ist ihr Körper warm, aber es wird nicht mehr lange
dauern, dann ist der kleine Hundekörper steif. Nie wird Luca lernen,
wie schön das Leben sein kann, nie kleine Abenteuer erleben, nie
ihrer Besitzerin zeigen können, wie schön es ist, einen Hund
zu besitzern…..
Neue Einstellung, neue Blende:
Ich habe eine achtmonatige Grand-Basset-Griffon Vendéen-Hündin
in der Größe XXL (52 cm) aus dem Ursprungsland Frankreich geholt.
Da ich nicht weiß, wie sie sich im Hundekontakt verhält, besuche
ich mit ihr nach der Eingewöhnungszeit eine Junghundegruppe. Mindestens
zwölf Hunde verschiedenster Größen befinden sich bereits
auf dem Gelände und toben herum, als ich mit „Sucre“
dazustoße.
Sucre zeigt beim Betreten des Platzes gesunde Vorsicht und „checkt“
erst einmal die Lage. Das tue ich auch. Und schon bald kann ich erkennen,
dass der Platz von einem Schäferhund namens „Schätzchen“
und einem roten Boxer dominiert wird. Besonders „Schätzchen“
sucht sich gezielt kleinere und eher ängstliche Hunde aus und verfolgt
diese. Zuweilen stößt der Boxer hinzu, aber erst, wenn die
Angst in den Augen des gejagten Hundes sichtbar ist, greift die Trainerin
ein. Nicht die Besitzerinnen. Beide schauen dem Treiben interessiert zu,
sehen jedoch offensichtlich keine Notwendigkeit, ihre Hunde in die Pflicht
zu nehmen.
AuchSucre zieht durch ihre vorsichtige Haltung die Aufmerksamkeit der
Zwei auf sich. Aber da Sucre fast vierzig Kilo auf die Waage bringt, habe
ich um sie wenig Bedenken. Und wirklich: mein Vertrauen in sie ist gerechtfertigt.
In allerschönster Beschwichtigungsmanier wendet sie sich ab, läuft
gezielt in eine andere Richtung und die Täter suchen sich ein anderes
Opfer.
Da ich nun weiß, dass Sucre sich solchen Situationen elegant entziehen
kann, besuche ich auch noch die drei nächsten Junghundestunden.
In der letzten von mir besuchten Stunde steht die Trainerin mit Bewaffnung
vor ihrer Gruppe – ein langer Stock soll den langen Arm spielen,
um rechtzeitig eingreifen zu können.
Und er kommt zum Einsatz. Ausgerechnet der Junghund der Trainerin, der
eigentlich außerhalb des Geländes verbracht ist, kommt los
und springt in die Gruppe herein. Er wird von den beiden Platzhirschen
auch schnell auf´s Korn genommen und nur die verabreichten Prügel
der Trainerin retten ihn vor größerem Schaden. Aber einen Tierarztbesuch
kann sie nicht verhindern, die Löcher müssen genäht werden.
Damit kommt die Stunde zu einem vorzeitigen Ende und auch ich beschließe,
den Besuch dieser Junghundegruppe einzustellen.
Warum ich diese zwei wahren Begebenheiten erzähle?
Nun, weil man mit einem Welpen großer Rasse und
mit dem ausgewachsenen großen Hund im Verhältnis zu den kleinen
Welpen und viel kleiner bleibenden erwachsenen Hunden mit den großen
Hunden viel entspannter umgehen kann. Vierzig Kilo reißt so schnell
einfach nichts um.
Schauen wir uns das Verhältnis doch einmal genauer an: bei der Geburt
großrassiger Hunde liegt das Geburtsgewicht bei ca. 400 Gramm, eines
kleinwüchsigen Hundes bei der Hälfte, also ca. 150 Gramm.
Ausgewachsen bringt es ein Labrador auf lockere 40 Kilo,
ein großer Yorkshireterrier vielleicht auf 6 Kilo. Er wiegt nun
über das sechsfache weniger als sein großer Bruder.
Kleiner Abstecher:
halbieren wir die Entwicklung, ist unser Yorkie drei Kilo schwer und der
Labrador wiegt 2o Kilo. Auch als Junghund ist der Labrador mit dem Sechfachen
seines Gewichtes dem Yorkie himmelweit überlegen.
Und nun sehen wir dem tätlichen Streit zweier Jungs
zu. Einer davon ist der Ihrige.
Er hat ein „Kampfgewicht“ von 10 Kilo. Als Gegner hat er sich
eine Jungen „ausgesucht“, der sechsmal so viel wiegt, wie
er selbst: nämlich 60 Kilo.
Fast so viel, wie ein schmächtiger erwachsener Mann auf die Waage
bringen kann.
Wie reagieren Sie?
Schauen Sie zu und sehen, wie die Auseinandersetzung ausgeht???
Greifen Sie ein???
Holen Sie Hilfe???
Rufen Sie per Handy die Polizei, da Sie erkennen, dass keiner der Umstehenden
dem ungleichen Kampf eine Ende bereitet?
Kommt hier die Frage der Zivilcourage auf?????
Ist es vermessen, hier Vergleiche anzustellen????
Eigentlich nicht, denn die Situation ist vergleichbar – bis auf
die Tatsache, dass sich das Kind durch Schreien verständlich machen
kann – es wird um Hilfe rufen. In der Hundestunde ist der Besitzer
dem Wohl und Wehe des Hundetrainers ausgesetzt – egal wie sehr sein
Hund um Hilfe ruft.
Beweisen Sie in so einem Fall Zivilcourage – greifen Sie
ein!
Handeln Sie couragiert, verhindern Sie, dass Auseinandersetzungen zwischen
nicht zusammenpassenden Hunden eskalieren, geben Sie Schutz und leisten
Sie Hilfe, und sind Sie Besitzer von einem grossen Hund, nehmen Sie auf
die Grössenverhältnisse Rücksicht.
Der eine oder andere kleine Vierbeiner mag eine verzogenes Hündchen
sein – dass sie giftig sind, hat nur allzu oft einen handfesten
Grund und Besitzer, die aus Erfahrung gelernt haben. Und in der Folge
berechtigt ängstlich reagieren und ihre Hunde auf den Arm nehmen.
Das muss so nicht sein, wenn wir soziales Verhalten nicht nur mit unseren
Hunden trainieren, sondern vor allen Dingen an uns selbst als Hundeführer
praktizieren.
Die Praxis könnte dann so aussehen:
drei große, freilaufende Hunde, die entgegenkommen, werden von ihren
Besitzern an die Leine genommen, da sie einem Besitzer mit einem freilaufenden
kleinen Hund begegnen. Sie wollen nicht, dass aus einer nicht erkennbaren
Situation heraus, einer der Dreien anfängt, mit dem deutlich kleineren
Hund zu „spielen“, was für die Großen der Auslöser
für eine lustige Jagd zur Folge haben könnte.
Ist genug Zeit bei beiden Parteien, könnte man klären, ob ein
Kontakt erwünscht ist. Wenn ja, kann einer der großen Hund
abgeleint werden, damit die zwei ungleichen Partner sich in Ruhe beschnüffeln
können. Haben diese das Interesse aneinander verloren, kommt der
nächste Hund zum Zuge, um seinerseits die Befindlichkeit des Gegenüber
zu erschnuppern.
Dito mit dem dritten Kandidaten und bleibt nun alles entspannt und gelassen,
haben alle Vier- und Zweibeiner Grund auf sich stolz zu sein! Der Besitzer
des Kleinhundes, weil er seine Angst in der Begegnung mit großen
Hunden überwunden hat, sein vierbeiniger Freund, weil er gelernt
hat, dass große Hunde nicht zwangsläufig beängstigend
sein müssen.
Die Besitzer der Großen wiederum haben mit ihrer Rücksichtnahme
professionellen Hundeverstand bewiesen und ihren Hunden gezeigt, dass
kleine Hunde nicht nur giftig sein können, sondern durchaus prima
riechen und sogar mit dem Schwanz wedeln können.
©Sybille Nass, Januar 2010

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