Kromfohrländer

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Katarakt bei Kromfohrländern

 

Eine Bemerkung dazu vorab:
Katarakt gehört zu den allgemein anerkannten Erbkrankheiten, tritt nachweislich in der Rasse der Kromfohrländer auf und laut VDH-Zuchtordnung müssen Erbkrankheiten bekämpft werden.

Sinnvollerweise sollte deshalb mindestens bei den Zuchttieren vor dem Decken Kataraktfreiheit nachgewiesen werden, um eine Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern. Die Untersuchung wird von Augenfachärzten der Veterinärmedizin vorgenommen, welche sich zu einer Fachschaft zusammengeschlossen haben, dem sogenannten "Dortmunder Kreis", kurz "DOK". Diese Fachschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, fachtierärztlichen Nachwuchs auszubildern, Fortbildungen durchzuführen, einheitliche Untersuchungsrichtlinien auszuarbeiten, einheitliche Formulare anzuwenden, Ergebnisse zu sammeln und auszuwerten, kurzum, alles zu tun, um in ihrem Fachbereich einen Fortschritt zu erreichen.

Bis 1990 existierte das Thema Katarakt bei Kromfohrländern in Deutschland nicht, es wurde weder darüber gesprochen noch waren uns Fälle von Katarakt bekannt, noch gab es offizielle Verlautbarungen. Auf der internationalen Hundeausstellung in Ingolstadt 1990 hatten wir dann zum ersten Möglichkeit, Kontakt mit einer finnischen Züchterin aufzunehmen. Daraus entwickelte sich ein reger Austausch, der sich auch züchterisch niederschlug, einerseits durch unsere Hilfestellung bei den Anpaarungen finnischer Hündinnen in Deutschland, (kennel Lurvendhalis) andererseits durch die Möglichkeit, von Finnland Kromfohrländer zu importieren, die hier für die notwendige "Blutauffrischung" sorgen konnten.(In unserem Zwinger durch Jazzmo Acapella und Minimaxin Saturnus).

Zum ersten Mal kamen wir deshalb mit dem Thema Katarakt in Zusammenhang mit Finnland in nähere Berührung, denn in Finnland sind Kataraktuntersuchungen nichts Unbekanntes und auch das Auftreten dieser Erkrankung war hinlänglich bekannt. Als zuchthygienische Massnahme besteht in Finnland die Verpflichtung unter den Züchtern, Zuchthunde alle zwei Jahre und die Welpen im Alter von acht Wochen untersuchen zu lassen. Aufgrund dieser Untersuchungen weiss man, daß in Finnland ausser den erwachsenen Hunden bereits auch Welpen erkranken, die häufig sofort eingeschläfert werden. Nach bisherigem Wissensstand handelt es sich bei der Katarakt (HC = heriditäre Katarakt) um eine erbliche Form des grauen Stars, welche einem autosomal-rezessivem Erbgang zugrunde liegt. Das bedeutet, auch zwei Elterntiere, die selbst nicht am grauen Star erkrankt sind, können Trägertiere sein und somit kranke Nachkommen zeugen.

Was die Katarakt bei Kromfohrländern so schwierig macht, ist die Tatsache, daß eine sichtbare Trübung, die für den Laien gut zu erkennen wäre, nicht vorhanden ist. Sind die Hunde dann ausserdem "nur" einseitig betroffen, erblinden diese Hunde, ohne daß die Besitzer bei ununtersuchten Hunden je feststellen, daß ihr Hund nur noch auf einem Auge über ein vollständiges Sehvermögen verfügt. Durch das langsame Fortschreiten der Erblindung kann sich der Hund an sein verändertes Sichtfeld so gewöhnen, daß seinem Besitzer dieser Prozess vollständig entgeht.

Als wir Anfang der 90-er Jahre "Annabell von der Holderheide" nach Finnland verkauften, besass die Eigentümerin bereits einen Kromfohrländerrüden namens "Neri". Bei unserem ersten Besuch in Finnland konnten wir dann bei der Augenuntersuchung von "Neri" dabeisein und die punktförmige Veränderung auf seinem Auge selbst ansehen. Neri war zum Zeitpunkt der Untersuchung vier Jahre alt, mit sechs Jahren war er dann auf diesem Auge laut Untersuchung vollständig erblindet. Hatten wir bei ihm vierjährig schon keine Trübung erkennen können, so sah man auch bei unserem Besuch zwei Jahre später wiederum keinerlei äusserliche Veränderung: schaute man in seine Augen, hatte man das Gefühl, einen gesunden und nicht halbblinden Hund vor sich zu haben.....

Da wir nun selbst im Besitz finnischer Kromfohrländer gelangt waren, beschlossen wir als Konsequenz aus den finnischen Tatsachen und Erfahrungen, zukünftig unsere Welpen und die Elterntiere ebenfalls auf Katarakt untersuchen zu lassen. Die ersten Untersuchungsergebnisse bei den Welpen waren katastrophal. Die Augenfachärztin stellte zum Beispiel bei unserem I-Wurf im kompletten Wurf Katarakt fest und sollten alle Welpen einschläfern lassen. Acht Wochen alte putzmuntere Welpen - und alle einschläfern? Das erschien uns dann doch zu heftig und wir beschlossen, in München an der veterinärmedizinischen Universität von einer anerkannten Kapazität eine Kreuzdiagnose stellen zu lassen.

Hier wurde uns erklärt, daß im Alter von acht Wochen keine exakte Diagnose möglich sei und die Hunde dafür mindestens ein Jahr alt sein sollten. Also doch nicht einschläfern, uff! Aufklärung brachten dann die weiteren Untersuchungen: Kromfohrländerwelpen zeigten eine Verdichtung an der Linse, die im Alter von acht Wochen einer Katarakt gleicht, jedoch nur ein für Kromfohrländer typisches Wachstumskennzeichen ist. Die weiteren Untersuchungen an Welpen haben im Laufe der Jahre gezeigt, daß sich diese Verdichtungen ganz normal auflösen und als Resümé kann man festhalten, wie wichtig es ist, spezifische Erkenntnisse über die eigene Rasse zu haben, damit es nicht zu solchen "Fehldiagnosen" wie in unerem I-Wurf kommt.

War im I-Wurf der Vater unser finnsicher Rüde "Minimaxin Saturnus" und von daher ein positiver Katarakt-Befund bei den Welpen nicht gänzlich unerwartet, so erwiesen sich bei den weiteren Untersuchungen die deutschstämmigen Kromfohrländer als im gleichen Masse betroffen - in Bezug auf die Katarakt liessen sich populationsbezogene Unterschiede nicht belegen und die Empfehlung, alle Zuchttiere auf Katarakt zu untersuchen, gilt bei den finnischen Kromfohrländern deswegen ebenso wie bei allen in anderen Ländern gezüchteten Kromfohrländern. Dass ausser in der Interessengemeinschaft für rauhaarige Kromfohrländer nur in Finnland Augenuntersuchungen zur Pflicht gemacht werden, spricht eine eigene Sprache: nicht untersuchte Kromfohrländer können uneingeschränkt in der Zucht verwendet werden und die Verbreitung der Katarakt in der Rasse der Kromfohrländer kann so weitgehendst ungehindert stattfinden - mit allen unangenehmen Folgen für Hunde und Besitzer!

Seit dem Holderheidetreffen 2003 bieten wir in aller Regel in den "ungeraden" Jahren eine von uns organisierte Reihenuntersuchung im Rahmen des Treffens mit einer in Regensburg ansässigen DOK-Augenfachärztin an und dieses Angebot wird von den Teilnehmern sehr gut angenommen. Heute hat sich der Untersuchungsmodus dahingehend verbessert, daß die Hunde zuerst von der Fachärztin ohne Atropingabe untersucht werden. Nach dieser Untersuchung wird in beide Augen jeweils ein Tropfen eines Atropin-adäquatem Mittesl eingebracht, welches zur Erweiterung der Linse führt. Nach einer Einwirkungszeit von ca. einer halben Stunde wird der Hund erneut mit den entsprechenden Geräten untersucht, und das Ergebnis auf dem sogenannten Auswertungsbogen festgehalten. Bei dem in vierfacher Ausfertigung vorliegenden Formular verbleibt eine Bogen beim Augenfacharzt, ein Bogen geht an den Besitzer, ein Bogen geht an die Zuchtbuchstelle und der letze Bogen wird zur Erfassung an die DOK gesendet.

Wie bei unserer Zuchthündin "Anauka von der Napoleonsnase"

(hier ein Bild von der 11jährigen, erblindeten Nauka)

bedeutet Kataraktfreiheit nicht, daß kranker Nachwuchs ausgeschlossen werden kann. Katarakt gehört zu den Krankheiten, an denen Hunde in jedem Alter erkranken können. Wurde ein Hund bei der ersten Belegung zum Beispiel katraktfrei in der Zucht eingesetzt, kann er schon im Jahr darauf an Katarakt erkranken und hat somit im ersten Wurf Trägertiere, wenn nicht sogar erkrankten Nachwuchs etabiliert. Bei Nauka wurde bei ihr bei vier in unserem Zwinger geborenen Würfen jeweils zum Zuchtzeitpunkt Kataraktfreiheit attestiert, erst in ihrem achten Lebensjahr erkrankte sie erkennbar an erblicher Katarakt und erblindete an beiden Augen später vollständig. In ihren Würfen finden sich deshalb ausschliesslich Trägertiere und ein Teil der Welpen erkrankte an Katarakt, der früheste Fall ist dokumentiert bei "Ophina von der Holderheide", die mit einem Jahr erkrankte.

Immer wieder wird deshalb von Züchtern in den Raum gestellt, daß somit eine Untersuchung auf Katarakt "sowieso sinnlos sei, denn man könne eine Erkrankung ja gar nicht verhindern" und geben sich damit den Freibrief, mit ununtersuchten Hunden besten Gewissens züchten zu können. Wie kurzsichtig so ein Verhalten ist, wird ebenfalls an Fällen wie derer von "Nauka" klar, denn aufgrund der Kenntnisse von Nauka´s erblicher Katarakt weiss man bei ihrer Nachzucht, daß es sich um sichere Trägertiere handelt - werden alle Kromfohrländer untersucht, können Verpaarungen von Trägern (mit grossem Risiko erkrankenden Nachwuchs zu erzeugen) bereits vermieden und die früh an Katarakt erkrankten Kinder erfolgreich an der Weiterverbreitung der Katarakt gehindert werden.

© Sybille Nass 2011