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Die Welpenschule;
unter die Lupe genommen
Als Heinz Weidt und Dina Berlowitz die Prägungsspieltage in den 90-Jahren entwickelten und von der Schweiz aus kommend, in allen Ländern erfolgreich etablierten, brach in den Hundeschulen eine neue Ära an:
Hinfort wurden neben der gewohnten Begleithundeausbildung sowie der sportlichen Ausbildung des Hundes ein weiterer Baustein in die Palette der Angebote rund um den Hund aufgenommen: die Betreuung von Welpen an.
Das Konzept der Prägungsspieltage, dem Hund in der sensiblen Phase nach der Übernahme durch den Besitzer bis zum Alter bis 16 Wochen ein auf diese sensible Entwicklungsphase zugeschnittenes Programm anzubieten, um dem Welpen den bestmöglichen Start für seine Karriere als Familienhund zu bieten, wurde überzeugend angenommen, weiterentwickelt und fortgeführt.
So ist es heute mehr oder weniger zu einer Selbstverständlichkeit für die Besitzer eines Welpen geworden, sich zur Welpenstunde in einer Hundeschule oder einem Hundeverein anzumelden und daran teilzunehmen, mit dem Ziel, die soziale Entwicklung des Welpen von Anfang an zu fördern, praktische und dem Welpen angepasste Übungen in der Gruppe zu praktizieren und sich praktische Tipps von Hundetrainer und Co zu holen.
Für langjährige Züchter wiederum ist es über die Jahrzehnte hinweg ebenfalls sehr interessant, diese Entwicklungen zu verfolgen, zu unterstützen, aber auch die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Motiviert durch dieses überzeugende Konzept der Prägungsspieltage zogen auch wir mit eigenen Welpen los, um in der von uns bevorzugten Hundeschule unsere Erfahrungen zu machen und nicht nur ein Welpe durchlief die sogenannte Welpenschule – eine ganze Generation lang wurden unsere Hunde hier hindurchgeschleust.
Aber nicht nur die Erfahrungen unserer eigenen Hunde schlagen hier zu Buche: als verantwortungsbewusste Züchter wurden auch die Käufer mit der Empfehlung entlassen, unbedingt die Hundeschule und hier im Besonderen die Welpengruppe zu besuchen.
Viele, viele Jahre der eigenen Erfahrungen und viele Erfahrungen unserer Hundekäufer und befreundeten Hundebesitzer haben uns nun nachdenklich gestimmt.
Erfüllt die Welpenschule tatsächlich den erwünschten Effekt?
Und ist der Besuch einer Welpenschule unbedingt vonnöten, um eine gesunde soziale Entwicklung des Welpen zu gewährleisten?
Der Kromfohrländer mag als Beispiel dafür dienen, warum der Besuch einer Welpenschule nicht immer als sinnvoll empfohlen werden kann und welche Folgen aus einem Besuch der Welpenschule entstehen können.
Der Kromfohrländer gehört mit seiner Größe um 40 cm Schulterhöhe zu den mittelgrossen Hunden, für uns die ideale Größe, da nicht klein genug um zertreten zu werden, aber groß genug um nicht übersehen zu werden. In Rittersport-Manier ausgedrückt: quadratisch , praktisch gut, also genau die Größe, die neben Kindern noch im Auto Platz hat und zur Not auch noch problemlos unter den Arm geklemmt werden kann.
Und damit besuchen wir nun die Welpenschule. Hier treffen wir auf ein buntes Sammelsurium von Rassehunden und Mischlingen jeglicher Couleur: groß, klein, schwarz, braun, bunt, üppig behaart oder ganz kurz, mal mehr Welpen und mal weniger.
Aber in der Regel mit gleichbleibendem Programm: Man kommt in die Gruppe, die Welpen dürfen spielen und zwischendurch finden kleinere Übungen statt, bei drei Spielsequenzen sind es in der Regel derer Zwei, je nach Hundeschule einmal auch Drei, in welchen die Welpen an Geräusche gewöhnt werden (zum Beispiel Händeklatschen), der Besitzer attraktiv gemacht wird (festhalten durch Fremdperson und heranrufen durch den Besitzer) oder die Leinenführigkeit geübt wird.
So weit so gut – und in einer hervorragenden Hundeschule auch kein Problem. Nur: erfüllt meine Hundeschule all diese Voraussetzungen, um dem Welpen eine ungestörte Entwicklung zu garantieren?
Sehen wir uns die Praxis an: In aller Regel besteht die Gruppenzusammensetzung aus zwei Drittel Welpen größer werdender Rassen wie Golden Retriever oder Labrador Retriever, ihren Mischlingen daraus und weiteren größer werdenden Hunden, ungefähr ein Drittel, oft genug aber noch weniger, sind angepasst an der Größe unserer Kromis, wie der gerade in der Beliebtheitsskala nach oben geschnellte Jack Russel Terrier, Mops und größenmässig vergleichbare Mischlinge neben weiteren Rassen in dieser Größe. Selten lassen sich sehr kleine Rassen und Mischlinge beim Welpenspielen finden und gehäuft schon gar nicht.
Die bis zur 16. Lebenswoche angepeilte Prägung nach Weidt/Berlowitz wird in einigen Hundeschulen auch gerne einmal auf 5 Monate ausgedehnt und so variiert nicht nur das Größenverhältnis sehr stark, auch das Alters- und Gewichtsniveau ist innerhalb einer Gruppe ist unter Umständen sehr unausgewogen. In solch eine beschriebene Gruppe hinein wird unser Kromfohrländer(Mischling) nun gepackt und wir als Besitzer setzen hohe Erwartungen in den Erfolg der Welpenschule.
Aber was passiert? Unser Kromi hat erst einmal Angst, beim reinrassigen Kromfohrländer eine genetische Veranlagung, bei seinen Mischlingen in unterschiedlicher Stärke auftretend. Je nach Charakter des Hundes dauert es zwei oder mehrere Besuche, bis sich diese Angst legt und die Spielaufforderungen anderer Welpen angenommen werden. Bei den Rüdenwelpen ist das Phänomen zu beobachten, dass egal ob Männlein oder Weiblein, ob groß oder klein, das Hauptinteresse darin besteht, die Artgenossen zu besteigen. Wird das Abrufen geübt, ist unser kleiner Held bei uns schneller als der Blitz und auch bei den anschließenden Übungen vermag unser Hund zu glänzen. Oft genug passiert es, dass wir Vorführmodelle der Hundeschule werden, denn in unserem Team klappt alles bestens.
So weit- so gut, nachdenklich jedoch haben uns die sich immer wieder wiederholenden Probleme im Ablauf der Welpenschulen gemacht, die ich im Folgenden auch gerne näher erläutern will:
Durch die ungünstige Zusammensetzung der Gruppen hinsichtlich Größe, Gewicht und Alter befinden sich oft viel zu wenig Welpen mittlerer Größe in der Gruppe und werden von den größeren Welpen regelrecht „überlaufen“. Was von den größeren Welpen weder in böser Absicht geschieht noch für sie irgendwelche Konsequenzen nach sich zieht. Kromfohrländerwelpen , aber nicht nur diese, lernen so sehr schnell, eine Strategie zu entwickeln, wie sie sich hier zur Wehr setzen können und agieren nach der Methode: Angriff ist die beste Verteidigung!
Dabei geht es den betroffenen Welpen nicht darum, aggressiv zu agieren, es geht ihnen allein darum, sich selbst zu schützen und für sich das Optimum an „Spiel“ herauszuholen, denn hat der Welpe einmal herausgefunden, dass er viel wendiger als alle Goldie´s und Labie´s zusammen ist, findet er an einer wilden Jagd durchaus sein Vergnügen.
Wenn Trainer in der Welpenschule unterbinden, dass ich als Besitzer eingreife, um meinem Welpen vor dem „überlaufen“ (teilweise auch schon manchmal in mobbing übergehend) zu schützen mit dem Argument: „Er muß lernen, sich selbst durchzusetzen“ oder verpackt in die noch harscheren Worte „Da muß er durch“, und den Besitzer außerdem auffordert, sich von seinem Welpen zu entfernen um ihm dadurch keinen Schutz zu bieten, lernt der Welpe zwei Dinge:
Er kann sich auf seinen Besitzer nicht verlassen!
Ich muss angreifen, um mir große Hunde vom Leib zu halten!
Fragen wir uns also noch einmal:
Was soll ein Welpe lernen?
- Unbedingtes Vertrauen zum Besitzer, nur dann ist erfolgreiches Lernen möglich.
- Entspannter Umgang mit Artgenossen, nur dann machen Spaziergänge wirklich Freude
Eine Hundeschule oder ein Hundeverein, der die Welpengruppen teilt in mindestens zwei nach Größen geteilten Gruppen bietet dem Welpen die Chance, eine wirkliche Sozialisation nach der Trennung von den Geschwistern und der Mutter zu erfahren.
In dieser Hundeschule wird der Trainer nach einigen Stunden auch einen einzelnen Welpen einer größeren Rasse in der Gruppe zumindest zeitweise integrieren und eine harmonische Spielzusammenführung ermöglichen, in welcher die kleinen Welpen lernen, dass auch große Welpen sehr attraktiv sind. In dieser Umgebung macht auch der „entzogene Schutz“ durch den Besitzer Sinn, denn gerade ängstliche Welpen lernen so, dass ihnen unter gleichgroßen Welpen keine Gefahr droht und es Spaß macht, mit ihnen gemeinsam über den Platz zu fegen.
Diese Erfahrung wiederum stärkt das Selbstbewusstsein des eher ängstlichen Welpen, der zu einer gesunden Entwicklung viele dieser Erfahrungen benötigt, um später ein sicherer Hund zu sein. Da das Vertrauen zum Besitzer mit dem Besuch der Welpenschule auch nicht gestört wird und die Welpen ihre positiven Erfahrungen mit dem Besitzer verknüpfen, ist für ein weiteres vertrauensvolles und gemeinsames Lernen der Weg bereitet.
Wenn also das Vorurteil vieler Menschen bezüglich kleinerer Hunde zutreffend erscheint, dass gerade die kleinen Hunde als „giftig „ oder gar „bissig“ abgestempelt werden – so sollte man doch hinterfragen, ob nicht die Ursache für dieses Verhalten in einer schief gelaufenen Prägung zu suchen ist und wir es nicht mit einer Generation Hunde zu tun haben, denen dieses Verhalten in Welpenschulen, aber auch durch rücksichtslose Halter großer Hunde geradezu beigebracht wurde.
Denn eines ist klar: Einen großen Hund muss ich vor einem kleinen Hund nicht schützen, er wird immer als Sieger aus einem Gefecht hervorgehen.
Den psychischen Schaden trägt immer der kleinere Hund davon, vom physischen ganz zu schweigen.
Was für Folgen hat die Welpenschule aber noch?
Eine sehr menschliche, aber für die zukünftige Kooperation im Team Mensch-Hund sehr gravierende negative Folge kann der Besuch des Welpenschule mit einem der vorher genannten „Musterexemplare“ bzw. „Vorführmodelle“ sein.
Hier wird der Besitzer, dadurch, dass der Welpe sehr zuverlässig bei Abrufübungen herankommt und die in der Welpenschule geforderten Übungen sehr gehorsam ausführt, in dem Glauben bestärkt, einen Welpen zu besitzen, welcher keine weiteren Besuche der Hundeschule erforderlich macht, da alles zu seiner und zur Zufriedenheit des Trainers funktioniert.
Vom weiteren Besuch der Ausbildungsabschnitte wie Junghundetraining, Alternaivangebote wie diverse Vorbereitungskurse etc. wird abgesehen, weil darin keine Notwendigkeit gesehen wird.
Aber spätestens in der Pubertät wird man wieder mit den Realitäten des Hunde-Lebens konfrontiert und man landet jäh auf dem Boden der Tatsachen: Was in der Welpenzeit so schön und zuverlässig funktioniert hat, auf einmal klappt nichts mehr davon.
Aber nicht nur das: das vorher so soziale und problemlos sich mit jedem Hund vertragende Familienmitglied mutiert von Stund zu Stund zu einem Geschöpf, welches als Rüde anfängt an der Leine zu knurren und sich an ihr aufzuführen, fängt im Freilauf an, andere Rüden anzumachen ohne dass wir einwirken können und die Hündinnen haben Anfälle von gespielter, aber im Effekt sehr unangenehmer Aggression gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen.
Fazit: der lebenslang gewähnte Frieden bzw. der Gehorsam ist unwiederbringlich dahin.
Auf einmal sind diese Welpen im Vorteil, welche in den Anfängen scheinbar viel mehr Probleme mit dem Abrufen hatten und das Spiel mit den Artgenossen eindeutig bevorzugten.
Diese erweisen sich im Gegensatz zu unserem Exemplar nun als viel folgsamer und sozialer im Umgang mit anderen Hunden und so hat sich die Entwicklung beider Gattungen „Hunde“ vollkommen diametral entwickelt: Wo unser Hund in der Welpenzeit das Musterexemplar darstellte, kommt er zusehends in Verruf und die anfänglich scheinbar unfolgsamen Welpen trumpfen nun auf.
Jetzt zeigen sich die katastrophalen Folgen einer nicht erfolgten Vorbereitung auf das wahrhaftige Hundeleben.
Es ist eine müßige Frage, ob man ohne Besuch der Welpenschule nicht in diese Situation geraten würde und eventuell macht der Welpe auch ohne Zutun der Welpenschule seine schlechten Erfahrungen mit großen Hunden , die ihn unter Umständen zeitlebens prägen werden:
Ein Besuch in einer Hundeschule mit falsch geführter Welpenstunde wird immer negative Auswirkungen haben – die „Sünde“ des Stolzes auf sein folgsames Hundekind wird zumindest bei einem Nichtbesuch einer Welpengruppe verhindert…
©Sybille Nass, Januar 2010
Die kritische Betrachtung über die Welpenschule wird baldmöglichst fortgeführt ....

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