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Das Wesen unserer Hunde, Praxisbeispiel Kromfohrländer
Was ist das „Wesen“ unserer Hunde?
Und um hier von Anfang an keine Missverständnisse aufkommen zu lassen,
an dieser Stelle eine kurze Definition des Begriffes „Wesen“:
Wenn in diesem Artikel von Wesen gesprochen wird, dann meint dies die
Gesamtheit von Charaktereigenschaften und angeborenen Veranlagungen;
in der Sprache der Dichter: „die Seele des Hundes“
.
Über das Wesen wird aktuell sehr viel diskutiert. In Zeiten der
modernen Hundehaltung ist ein einwandfreies Wesen der Hunde ein zentrales
Anliegen. Hunde wachsen oft auf sehr engem Raum ohne natürliche Entfaltungsmöglichkeiten
auf, die Ansprüche an die Hunde selbst sind sehr stark gestiegen.
In der Regenbogenpresse sind Beissunfälle ein häufiges Thema,
die reisserischen Artikel suggerieren eine generelle Gefährdung der
Gesellschaft durch Hunde. Aber was steckt denn alles hinter diesem „sogenannt
gutem Wesen“, das uns so wichtig ist?
Kromfohrländer bieten als Rasse eine ideale Untersuchungsgrundlage
über das Wesen, da sie über eine in Deutschland einmalige Populationszusammensetzung
verfügen. Es handelt sich um eine deutsche Rasse, welche erst 1955
anerkannt wurde und ihre Verbreitung hauptsächlich in Deutschland
hat. Jedes Jahr wurden über lange Zeiträume hinweg im Schnitt
100 bis 150 Welpen gezüchtet, im Laufe der Jahre stiegen diese Zahlen
auf ca. 200 – 250 Tiere jährlich aktuell.
Da Kromfohrländer stets in einem sehr familiären Umfeld gezüchtet
werden, bestehen in etwa vergleichbare Rahmenbedingungen bei der Aufzucht
der Welpen. Viele Züchter motivieren ihre Käufer dazu, an unterschiedlichen
Veranstaltungen mit ihren Hunden teilzunehmen (Wanderungen, Ausstellungen,
Körungen oder sogenannte „Zwingertreffen“), so ergab
und ergibt sich ein guter Zusammenhalt innerhalb der Kromifamilie - und
für interessierte Züchter und Kromihalter gibt es so seit Jahrzehnten
viele Möglichkeiten, Hundefamilien bezüglich ihrer Wesensentwicklung
zu beobachten und in der Nachzucht zu verfolgen.
Beim Kromfohrländer handelt es sich nicht um eine durchgezüchtete
Rasse, was heisst, dass auch heute noch sehr unterschiedliche Hunde im
Aussehen und im Wesen zu beobachten sind, was hinsichtlich des Wesens
besonders interessant ist, da hier nie eine gezielte Selektion stattfand.
Dadurch kann man bezüglich des Wesens sehr unterschiedliche Typen
kategorisieren, welche hier kurz dargestellt werden sollen:
Vorab: Der gemeinsame Grundzug aller Kromfohrländer ist seine extreme
Menschenbezogenheit, diese Wesenseigenschaft kann man prinzipiell allen
Kromfohrländern zuschreiben – dies ist damit ein Rassemerkmal.
- Typ 1: Hier handelt es sich um einen Hund mit ausgeprägtem Territorialverhalten
und einer starken Störung im Sozialumgang mit anderen Hunden und
Menschen, häufig gekoppelt mit einer sehr geringen Belastbarkeit
gegenüber Stress.
- Typ2: Neutrales Verhalten bezüglich des eigenen Territoriums
, neutrales Reagieren auf Menschenkontakte und weitgehendst abweisendes
Verhalten gegenüber fremden Hunden.
- Typ 3: Freundliches Verhalten bezüglich Menschen, kaum vorhandenes
Territorialverhalten und wechselndes Interesse an Sozialkontakten mit
Artgenossen.
Allen Typen gemeinsam ist eine eher ängstliche Grundhaltung und
viele Haltungsprobleme ergeben sich aus einem falschen Umgang mit dieser
Eigenschaft.
Sowohl in der Literatur als auch in den Medien wird postuliert, welchen
hohen Stellenwert das Wesen einnimmt. In der Fachliteratur finden sich
unterschiedliche Aussagen über die Vererblichkeit des Wesens und
in den Medien liest man hinsichtlich der Aufzucht immer wieder, daß
nur dann qualitätsvolle Welpen im Wesen hervorbracht werden können,
wenn optimale Aufzuchtbedingungen herrschen.
Bei unserer eigenen Zucht hatten wir bezüglich des Wesens konkrete
Vorstellungen, welche wir auch züchterisch umgesetzt sehen wollten.
Diese bedeuteten bezüglich der in der Rassebeschreibung umschriebenen
„Zurückhaltung des Wesens“, dass unsere Hunde jederzeit
ein Anfassen durch fremde Personen kommentarlos zulassen müssen,
weder durch Angst noch durch Aggression auffallen dürfen, aber dennoch
nicht freudig auf Besuch oder Fremde reagieren müssen.
Bevorzugt wurden von uns jedoch immer Hunde, welche freundlich auf Kontakte
der Umwelt reagierten, seien es Hunde - oder Menschenkontakte. Wir lernten
im Laufe unserer Zucht sehr viele Hunde des Typ 1 kennen; die Haltung
solcher Hunde war und ist sehr problematisch !
Um über das Wesen eines Hundes eine Aussage zu erhalten, standen
uns verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
Beobachten des Verhaltens von Kromfohrländern auf Ausstellungen:
Ohne an dieser Stelle über den Sinn oder Unsinn von Schönheitswettbewerben
diskutieren zu wollen, ist es für einen Züchter eine ideale
Möglichkeit, Aussagen über das Wesen eines Hundes treffen zu
können, denn Ausstellungen bedeuten für den Hund in erster Linie
Stress. Und Stress ist ein geeigneter Indikator, um die Belastbarkeit
eines Hundes zu überprüfen, besonders bei Kromfohrländern,
da diese generell nur wenig ausgestellt werden. Eine „Ausstellungsroutine“
stellt sich dadurch in der Regel nicht ein, denn reine Familienhunde vertreten
den höchsten Anteil der gemeldeten Hunde.
Der entscheidende Augenblick ist hier die Überprüfung der Zähne.
Allein, ob ein Richter selbst die Zähne kontrollieren kann, d.h.
den Hund im Kopfbereich anfassen kann, ins Maul fassen kann, um auch die
Molare zu zählen, lässt bereits Rückschlüsse auf das
Wesen eines Hundes zu. Nicht belastbare Hunde weichen hier dem Richter
aus, wollen sich nicht durch ihn anfassen lassen, oft führt das Meideverhalten
dazu, dass keine Kontrolle möglich ist und eine Bewertung nicht mehr
stattfinden kann.
Im gegenteiligen Fall fangen die Hunde an zu knurren, schnappen und versuchen,
sich dieser Art der Überprüfung der Zähne zu entziehen.
Je nachdem wie der Richter dieses Verhalten bewertet, kann es auch hier
zum Ausschluss von der Bewertung kommen.
Interessanterweise sehen Aussteller von Hunden des Typ 1 oft keine Verhaltensprobleme
bei ihren Hunden, auch bei ihnen selbst setzt früh die Routine der
Vermeidung ein: Ausstellungen werden in der Folge nicht mehr besucht (oder
es werden Tranquilizer eingesetzt) und Handlungen, die vom Hund abgelehnt
werden, finden nicht statt (gründliches Bürsten, Trimmen, Zecken
entfernen, Ohren untersuchen, etc.).
Da aber nur wenige Hunde auf Ausstellungen zu beobachten sind, bietet
das freie Beobachten der Hunde auf Wanderungen und Spaziergängen
eine weitere Möglichkeiten der Wesensbeurteilung - aber besonders
das persönliche Gespräch mit den Besitzern erweist sich als
sehr aufschlussreich. Fragen wie: „Wie verhält sich Ihr Hund,
wenn fremde Personen zu Ihnen zu Besuch kommen?, „Lässt sich
Ihr Hund im Haus von fremden Personen anfassen?“, „knurrt
er bei Besuch?“, „wie lange dauert es, bis er sich beruhigt?“,
„wie verhält er sich bei Besuch durch fremde Hunde?“
etc. sind Standardfragen.
Besuche bei den Besitzern von Zuchtrüden geben
ebenfalls einigen Aufschluss über das Wesen des vom Hündinnenbesitzer
avisierten Rüden – allerdings nur, wenn die eigene Hündin
zu Hause bleibt. Der Besuch mit einer gar läufigen Hündin (auch
wenn sie daheim bleibt) bietet keinerlei Aufschluss über das Wesen
eines Rüden, denn er wird den Besuch schon allein deshalb attraktiv
finden, da er nach der läufigen Hündin riecht!
Bei einem Besuch kann man das Verhalten des Hundes in seinem eigenen Territorium
beobachten; man kann auch die Möglichkeit nutzen, den Hund anzufassen
und z.B. die Zähne zu kontrollieren...lässt er das zu?
Gerne versuche ich „meine Wunschrüden“ anzuspielen und
zu provozieren, um festzustellen, wann sie anfangen sich zu wehren und
in welcher Form sie dies tun. Kromfohrländern wird eine „natürliche
Beisshemmung“ nachgesagt – die ideale Möglichkeit, sie
in der Realität zu testen!
Ein weiteres Feld, Aussagen über das Wesen zu erhalten, ergibt sich
auch über die Massnahme des Trimmens. Da unter Kromfohrländerbesitzern
in der Regel keine Kenntnisse über die korrekte Haarpflege vorliegen,
liefert dieser Umstand nicht nur die Gelegenheit der Aufklärung über
die beim rauhaarigen Kromfohrländer notwendigen Pflegemassnahmen,
während des Trimmens liefert das Verhalten der Hunde deutlichen Aufschluss
über das vorliegende Wesen.
Hunde, die noch nie einem Trimmtisch gesehen haben, geschweige denn auf
ihm standen, noch nie getrimmt wurden, und nun von einer ihnen fremden
Person getrimmt werden sollen, zeigen spontane und deutliche Verhaltensweisen.
Es sind Hunde darunter, welche sich dank ihres Vertrauens zu den Besitzern
widerstandslos trimmen lassen, genauso gibt es aber die Exemplare, die
sich von Anfang an gegen diese Prozedur wehren, versuchen zu schnappen
und zu beissen. Auch hier gibt der Indikator „Belastbarkeit unter
Stress“ deutliche Aufschlüsse über das Wesen der einzelnen
Hunde.
Um hier auch gleich auf den Umweltfaktor einzugehen:
Natürlich wird der einzelne Hund durch die Art des Umgangs durch
den Besitzer und seine Erziehung und Ausbildung (wie auch immer sie stattfindet)
geprägt, aber entscheidend für eine Beurteilung in diesem Zusammenhang
sind die Daten, die man von vielen Welpen aus einem Wurf durch eigenes
Kennenlernen und vielfältige Informationen der Besitzer erhält.
Dieses Bündel an Informationen setzt man in Beziehung zueinander
und daraus kann man unter der Zuziehung der Kenntnisse über das Wesen
der Eltern eine Bewertung erstellen. Die Aussagen über einen
einzelnen Hund allein lassen keinerlei Rückschlüsse bezüglich
der Erblichkeit von Wesensmerkmalen zu, nur die Summe von vielen Daten
ermöglichen eine Beurteilung darüber.
Das Vorgehen in der Praxis:
Lassen sich aus einem Wurf die meisten Welpen beispielsweise bereits nach
der Abgabe durch den Züchter von fremden Menschen ungern oder gar
nicht anfassen, dann wird dieser Fakt dokumentarisch über das IGKR-Zuchtbuch
erfasst. In der Regel liegen bereits Einträge der Eltern vor, diese
werden verglichen und die Ergebnisse gespeichert. Über viele Jahre
werden diese Erkenntnisse gesammelt und über Generationen hinweg
dokumentiert.
Hat eine Sammlung dieser Daten über mindestens drei Generationen
stattgefunden (je mehr Generationen erfasst werden, umso aussagekräftiger
ist natürlich das Ergebnis), kann man bereits Grundtendenzen feststellen
und eine Theorie zur Erblichkeit bestimmter Wesensmerkmale aufstellen.
Weitere Beobachtungen und Dokumentationen können diese These dann
stützen oder wieder in Frage stellen.
Durch das Sammeln dieser Daten und der Aufzucht der eigenen Welpen konnten
wir für uns und unsere Rasse feststellen, dass Hunde mit gutem –
hier freundlichem Wesen – für uns nur zu züchten waren,
wenn die Ausgangstiere selbst über diese Grundeigenschaft verfügten.
Auswirkungen bezüglich der Aufzuchtbedingungen konnten wir deshalb
auch nur im Bereich der Prägung feststellen, weshalb die Gewichtung
von Prägung und Wesens besonders wichtig ist und züchterisch
massgebliche Unterschiede birgt.
Bis zum Jahre 2001 haben wir unsere Welpen mit allen Umweltreizen bedient,
wie sie auch in der modernen Literatur gefordert werden. Einzig Kinder
konnten wir nicht bieten, da mussten wir auf die Kinder der Freunde ausweichen,
die zwangläufig nicht vierundzwanzig Stunden am Tag zur „Verfügung“
standen.
2001 wurde unser erster Sohn geboren und 2003 folgte unser zweiter. Mit
drei Jahren beteiligte sich unser Söhnchen bereits aktiv in der Hundeaufzucht
und zwei Jahre später kümmerten sich zwei kleine Kinder mit
um unsere Welpen.
Seit dieser Zeit geben wir Welpen ab, die sich ausgesprochen kinderfreundlich
zeigen und sich über alle Kinder freuen. Diese Wirkung hatten unsere
„Gelegenheitskinder“ nie ausgelöst.
Zwei unserer Hündinnen befanden sich in dieser Zeit im mittleren
Zuchtalter, was heisst, beide hatten Würfe ohne eigenen Kinderkontakt
aufgezogen und danach Würfe mit ständigem Kinderkontakt –
die Konstante „Mutterhündin“ war definitv die gleiche
geblieben, was die Ergebnisse der Prägung umso aussagekräftiger
machte.
Ein eindrucksvolles Ergebnis hinsichtlich der Veranlagung von Wesen und
der Diskussion über die „Prägung des Wesens über
die Umwelt“ bot uns die Beobachtung der Ammenaufzucht von einem
Kromfohrländerwelpen bei einer Zwergschnauzerhündin.
Ein reinrassiger Kromfohrländerwelpe wurde als Einzelkind geboren
und die Mutterhündin zeigte die bei Kromfohrländer sehr ausgeprägte
Bindung an ihre Besitzerin, welche dazu führte, dass der Welpe von
Anfang an oft alleine im Körbchen lag und dadurch nicht die richtige
Aufzuchttemperatur hatte, mit der in der Folge fehlenden kontinuierlichen
Fürsorge durch die Mutter.
Zufällig waren im Bekanntenkreis einige Tage früher drei Welpen
einer Zwergschnauzerhündin gefallen und diese Hündin verfügte
über einen so starken Milchfluss, dass ein weiterer Welpen ohne Schwierigkeiten
mit aufgezogen werden konnte. Da diese Hündin über ausgeprägte
Muttereigenschaften verfügte, war es kein Problem, den Welpen unterzuschieben.
Der kleine Kromfohrländerwelpe machte das geringere Geburtsalter
durch seine „Masse“ wett und hatte auch keine Probleme, in
der silbernen Geschwisterschar seine Milchquelle zu erobern.
Da Zwergschnauzer und Kromfohrländer über sehr unterschiedliche
Wesensmerkmale verfügen, war es nun interessant zu erfahren, ob der
Kromfohrländer dank seiner Umwelt sich zu einem kleinen braun-weissen
Zwergschnauzer entwickeln würde, oder ob er dennoch die typischen
Kromfohrländereigenschaften zeigen würde.
Das kleine „Kuckucksei“ entwickelte sich prächtig und
wuchs mit seiner Geschwisterschar zu einem aufgeweckten, mit vielen Reizen
konfrontierten aufgeschlossenen Welpen heran. Aber er unterschied sich
in einem Punkt ganz entschieden von seinen Zwergschnauzergeschwistern:
kam Besuch, so rannte die ganz Rasselbande mit grosser Begeisterung zum
Besuch hin, um sich bewundern und knuddeln zu lassen. Nach einiger Zeit
wurde dies jedoch den Schnauzerwelpen langweilig und sie suchten sich
ein anderes Betätigungsfeld (und Reize waren dafür reichlich
vorhanden), der Kromfohrländerwelpe jedoch separierte sich von seinen
Geschwistern und legte sich grundsätzlich zu den Zweibeinern. Wie
oben bereits erwähnt, ein den Kromfohrländer kennzeichnendes,
typisches Wesensmerkmal.
Obwohl der kleine Kromfohrländerrüde aufzuchtbedingt nie in
Berührung mit reinrassigen Kromfohrländern kam (er hatte von
Anfang an viel Hundekontakt, da der Wurf in Rudelhaltung aufgezogen wurde)
verhielt er sich genau so, wie es von einem Kromfohrländerwelpen
zu erwarten ist.
Das Verhalten seiner Geschwister wurde von ihm nicht kopiert, er war auch
der Einzige unter den Geschwistern , der sofort schrie, wenn sich Menschen
in der Nähe befanden, und er nicht zu ihnen kommen konnte. Er beruhigte
sich dagegen sofort, wenn man ihn heraus nahm und er sich in der Nähe
von Menschen aufhalten konnte.
In der Auswirkung vergleichbare Aufschlüsse bietet das Verhalten
von Kromfohrländerrüden bezüglich der Sozialisierung durch
den regelmässigen Besuch von Welpenschulen und deren daraus resultierendem
Sozialverhalten im Erwachsenenalter.
Durch ihre extrem ausgeprägte Menschenbezogenheit liegen bei vielen
Kromfohrländern mangelnde Fähigkeiten in der Sozialkompetenz
bezüglich fremder Hunde vor, bei Rüden ist ein ausgeprägtes
„Machoverhalten“ konstatierbar, welches vielen Rüdenbesitzern
zum Teil massive Schwierigkeiten bereitet.
Käufer, welche sich dieser Problematik bereits im Vorfeld bewusst
waren, suchten deshalb gezielt Hundeschulen auf, um über einen sehr
frühzeitigen Sozialkontakt mit anderen Hunden/Welpen dieses Manko
zu kompensieren.
Der frühzeitige Sozialkontakt hatte aber in der Regel nicht den gewünschten
Effekt:
in der Pubertät, oft von einem Tag auf den anderen, änderte
sich das Verhalten des Rüden. Er mutierte vom freundlichen und spielbereiten
Hund zum aggressiven Machorüden, der sich besonders an der Leine
höchst unfreundlich gegenüber anderen Rüden zeigte. Gepaart
mit dem für ängstliche Hunde typischen, gleichzeitig gezeigten
Fluchtverhalten eine fatale Mischung.
In speziellen Rüdenseminaren konnten Teilnehmer lernen, wie das
Verhalten von Kromfohrländerrüden in bestimmten Situationen
abläuft und in welcher Form darauf richtig reagiert werden kann.
Die Hundebesitzer konnten so Strategien entwickeln, welche dazu führen,
dass Konfliktsituationen erst gar nicht entstehen. Diese konnten regelmässig
mit grossen Erfolg bei den eigenen Hunden umgesetzt werden.
Aber selbst bei Teilnehmern, welche bereits vor dem Kauf eines Rüden
am Seminar teilnahmen, konnte im Erwachsenenalter keine sozialere Haltung
gegenüber fremden Rüden erreicht werden, was den Schluss zulässt,
dass hier eine Grundveranlagung im Wesen vorliegt, die beeinflusst werden
kann bezüglich der Haltung, aber nicht grundsätzlich umgewandelt
werden kann.
Diese Beobachtungen , wie viele andere Beobachtungen zuvor, bestätigte
uns in unserer Auffassung, dass die Vorraussetzung für die Zucht
von Hunden mit gutem (sprich freundlichem und souveränem) Wesen nur
stattfinden kann, wenn entsprechende Hunde in der Zucht eingesetzt werden.
Und dass sich das Wesen der Hunde weitaus stärker vererbt, als in
der Fachliteratur oft zu lesen ist, ist ebenfalls ein Ergebnis unserer
praktischen Zuchterfahrungen.
Wird regelmässig in den Medien publiziert, dass die Aufzuchtbedingungen
entscheidenden Einfluss auf das Wesen unserer Hunde haben, so spricht
unsere Erfahrung hier eine andere Sprache:
Gerade konnten wir einen Wurf beobachten, wo die Welpen ausgesprochen
reizarm aufgezogen worden sind: Wenig Kontakte, kaum Spielzeug, beengte
Wurfkiste mit so hohem Rand, dass die Welpen keinen Sichtkontakt hatten
und überwiegende Unterbringung in einem abseitigem Arbeitsraum: Die
Welpen zeigten sich absolut freundlich, aufgeschlossen, souverän
und ohne Scheu. Das hätten sie aber unter diesen reiz – und
kontaktarmen Aufzuchtbedingungen nicht sein dürfen, denn eigentlich
hätten sie scheu sein müssen, der Berührung abgeneigt und
schreckhaft.
Diese Fallbeispiele sollen an dieser Stelle nur stellvertretend sein
für umfangreiche, praktische und jahrzehntelange Erfahrungen und
Beobachtungen der eigenen Würfen und bei der Verfolgung der Entwicklung
von Würfen anderer Zwinger.
Wir möchten nicht vergessen noch einmal zu betonen, dass wir unsere
Kromfohrländerwürfe direkt mit unseren Irish-Terrier-Würfen
vergleichen konnten und auch diese Erfahrungen in unsere praktischen Ergebnisse
eingeflossen sind.
Vergleichende Beobachtungen unter den Irish-Terriern waren uns in der
selben Form wie bei den Kromfohrländern nie möglich. Allein
unser Irish-Terrier-Deckrüde „Flynn“ (in eigener Haltung,
alle unsere Welpen wachsen in Rudelhaltung auf) stammte aus Finnland,
in seinem Pedigree fanden sich Hunde verschiedener Länder, ebenso
wie bei unsere Irish-Hündin. Sie stammte aus einer deutschen Zucht,
hatte aber auch schwedische und amerikanische Linien im Stammbaum.
Kannten wir von unseren Iren die Mütter persönlich, wurde es
danach schon sehr eng. Von Flynn wohnten die Geschwister in Finnland verteilt,
Adressen hatten wir nicht, zur Verfügung standen uns ausschliesslich
Auskünfte der Züchterin. Was Geschwister der Eltern betraf,
so waren diese verkauft und nicht greifbar, Informationen von Grosseltern
und deren Geschwistern konnte man nur anhand der wenigen in der Zucht
eingesetzten Hunde oder Ausstellungstiere erhalten. Durch die Verbreitung
der Rasse über viele verschiedene Länder lassen sich Familien
nicht durchgängig verfolgen und die Hunde nur als isoliertes Einzeltier
bewerten.
Die Kromfohrländer bieten aufgrund der diametralen Voraussetzungen
die ideale Grundlage, um Aussagen über die Erblichkeit des Wesens
treffen zu können, da die Hunde überwiegend in Deutschland gezüchtet
werden, in der Regel in Deutschland verkauft werden und aufgrund der Kontaktmöglichkeiten
eine hohe Informationsdichte besteht.
Um das Wesen von Hunden beurteilen zu können, bedarf es
neben der Konstante „Hund“, der Konstante „Datenverarbeitung“
auch des geeigneten Personenkreises, welcher die Grundvoraussetzung erfüllt,
Wesensmerkmale sicher und treffend beurteilen zu können.
Dazu gehört ein hoher Wissenstand bezüglich der Körpersprache
von Hunden, umfangreiche Erfahrung in der Haltung von Hunden, idealerweise
im Rudel und die Möglichkeit, Hundefamilien über Jahrzehnte
hinweg beobachten zu können.
Solcherart durch die Praxis geschulte Personen sind in der Lage, auch
Wesensmerkmale zu erkennen, welche durch Prägung, Umwelt und Haltung
verändert wurden.
Im Gegensatz zu einer „isolierten wissenschaftlichen Forschungsarbeit“
handelt es sich bei der Beobachtung der Kromfohrländer bezüglich
der Vererblichkeit des Wesens sozusagen um eine Feldarbeit: jahrzehntelange
Beobachtung von Elterntieren und den daraus folgenden Generationen, Wesensentwicklungen
beim Einsatz von Rüden mit verschiedenen Hündinnen, die Entwicklung
der Welpen zu erwachsenen Hunden unter verschiedenen Umweltbedingungen
usw. war und ist nur möglich unter Kenntnis aller Zwinger und deren
Zuchttiere, deren Abstammungen, und der Bereitschaft, Tausende von Kilometern
zu fahren, um eine möglichst dichte Datensammlung zusammenzutragen.
In der Fachliteratur finden sich bezüglich der Erblichkeit des Wesens
sehr unterschiedliche und zum Teil konträre Angaben.
Im Buch „Züchtung des Hundes“ von Malcolm Willis , einem
Standardwerk in der Hundezucht findet sich auf Seite 305 ff folgender
Text:
„Bei einem Programm der schwedischen Armee auf der Grundlage von
Versuchen mit 926 Schäferhunden aus 168 Würfen zwischen 1966
und 1969 wurde als Ergebnis eine niedrige Vererbbarkeit der meisten getesteten
Eigenschaften festgestellt“ ,
a uf Seite 320 im gleichen Buch kann man lesen:
„ ..Wurde bei einer Studie der Cornell-Universität festgestellt,
dass bei einer Bassethound-Hündin (Thorne 1944), die mit vier normal
freundlichen Männchen verpaart wurde (Saluki, Dachshund, Bulldogge,
Deutscher Schäferhund) und unter deren Nachkommen verschiedene Inzuchtverbindungen
durchgeführt wurden, von 59 Abkömmlingen 43 ebenfalls scheu
und unfreundlich waren.“
Laut Schleger – 1985 – bestehen ca. 30 % der Wesensäusserungen
aus Ererbtem, 30-40% aus Prägung durch die Umwelt und der Rest rührt
aus Ausbildung und Erziehung her.
Wie schwierig also eine Beurteilung zur Erblichkeit des Wesens wird,
führt die Fachliteratur in den dargestellten Versuchen vor, wenn
bereits innerhalb eines einzigen Fachbuches von so unterschiedlichen Ergebnissen
zu lesen ist; zieht man weitere Fachliteratur heran, schwanken diese Werte
noch einmal um ein Vielfaches.
In der Praxis finden sich unterschiedliche Standpunkte zum Thema Wesen:
Anders Hallgren vertritt zum Thema Erblichkeit des Wesens den Standpunkt,
dass das Wesen der Hunde grundsätzlich eine eher untergeordnete Rolle
spielt, da seiner Erfahrung nach davon unabhängig jeder Hund so „therapiert“
werden kann, dass er problemlos haltbar ist.
Anders Hallgren ist unbestritten einer der fähigsten Hundetrainer
überhaupt, jedoch zeigt seine These über die Vererbung des Wesens
am deutlichsten, welche Schwierigkeiten mit der Auslegung des Stellenwertes
„Wesen“ umgegangen wird.
Unzweifelhaft kann man Anders Hallgren Hunde mit wirklich starken Verhaltensauffälligkeiten
an die Hand geben und man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen,
dass diese Hunde unter seiner Obhut und Führung wieder „normal“
werden.
Ob nun mit Hunden von „schlechter“ oder „guter“
Wesensveranlagung gezüchtet wird, kann ihm tatsächlich egal
sein.
Wie sieht es jedoch bei den vielen „Nur-Familienhunde-Haltern „
aus, die womöglich gerade ihren ersten Hund bekommen haben? Verfügen
diese von Anfang an über dieses umfangreiche Wissen, um einem schwierigen
Hund so umweltgerecht zu führen, dass er nicht auffällig wird?
Und finden sie in ihrem direkten Umfeld so kompetente Hilfe, dass Probleme
auszuschliessen sind????
Und so ist es wie in vielen Bereichen mitunter sehr schwer, kompetente
Hilfe von aussen zu bekommen, was die Arbeit mit aggressiv-ängstlichen
Hunden betrifft, ist es deutlich noch schwieriger, besonders mit dem Wissen,
dass der Beruf des Hundetrainers kein offiziell anerkannter ist und sich
Jedermann/frau grundsätzlich so nennen darf.
Ein zentraler Punkt in der Zucht von Hunden in unserer heutigen Umwelt
sollte also unbedingt ein Hund sein, dessen Wesen so gut und freundlich
ist, dass es verdient, reproduziert zu werden. Und dieses gute und freundliche
Wesen sollte eine freundliche Grundhaltung gegenüber Menschen und
Hunden beinhalten, eine hohe Stressresistenz, Nervenstärke und Souveränität.
Rassehundezucht bedeutet andererseits, dass Forderungen an ein bestimmtes
„Wesen“ gestellt werden, und es versteht sich von selbst,
dass ein ausgewiesener Wachhund nicht jeden Menschen in seinem Territorium
freundlich begrüssen muss. Jedoch kann von diesem gefordert werden,
dass er meldet, allerdings nicht aggressiv reagiert und vorzugsweise in
der Lage ist, situationsbedingte Entscheidungen zu treffen.
Dem Kromfohrländer wird eine „Zurückhaltung gegenüber
von Fremden“ attestiert – im Sinne eines guten Wesens heisst
dies, dass der Hund keine Begeisterung ausdrücken muss, wenn er von
fremden Menschen gestreichelt wird, auch ein Zurückweichen ohne Knurren
und Haare aufstellen ist akzeptabel, da der Hund durch seine Körperhaltung
damit deutlich signalisiert, dass er nicht angefasst werden möchte.
Jedoch muss eine Duldung des Anfassens durch Fremde ohne panisches Zurückweichen
oder gar Knurren oder Schnappen möglich sein, um von einer für
die Verhältnisse der Kromfohrländer angepassten Forderung hinsichtlich
eines guten Wesens gerecht zu werden.
Fazit:
Folgt man den Aussagen von Wissenschaftlern, welche die Erblichkeit des
Wesens für gering (mit ca. 30%) ausgeprägt halten, so müsste
es möglich sein, „schlechte Wesensveranlagungen“ durch
die entsprechend positive Welpenaufzucht und den Verkauf der Welpen an
kompetente und hundeerfahrene Menschen zu kompensieren.
Die Erfahrungen und Aufzuchtbedingungen unter Kromfohrländern
haben jedoch gezeigt, dass sich angeborenen Wesensmerkmale nicht durch
ideale Aufzuchtbedingungen und kompetente Hundehalter in ihren Grundzügen
verändern und beeinflussen lassen.
Soll also das zentrale Anliegen bei der Zucht von Hunden in einem
umweltverträglichen Wesen liegen, welches der modernen Hundehaltung
entspricht, kann dies nur erreicht werden, wenn sich jeder Züchter
dieser Tatsache bewusst ist und ausschliesslich mit Tieren züchtet,
welche selbst ein gutes Wesen zeigen.
©Sybille Nass/lfw, Dezember 2008

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